Peter Keller

Heimleiter und Bereichsleiter Alter & Gesundheit Stadt Stein am Rhein

Mitglied der Alterskommission Kanton Schaffhausen

Vorstand Kantonaler Spitexverband Schaffhausen (www.spitexsh.ch)

bei uns seit 01.04.2005

Direktwahl: 052 742 02 90

mail: peter.keller@alterszentrum.sh

Ausbildung:
Heimleiter Curaviva (2004)
Höhere Fachschule für Sozialpädagogik, Luzern

NDK Zertifikat in Gerontologie, HF
Curaviva, Zürich (2006)

Certificate of Advanced Studies (CAS)
Soziale Gerontologie (2009)
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Certificate of Advanced Studies (CAS)
Psychosoziale Gerontologie (2011)
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Link zu den Ausbildungen.

Link zu einem Interview Tele Stein, KW 41/11, ab Minute 14

Rezension: Der alte König in seinem Exil

Rezension vom 1.3.2011, Peter Keller
CAS Psychosoziale Gerontologie 2010-2011
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil
Belletristik, 189 Seiten, Carl Hanser Verlag, München, ISBN 9783446236349
Erscheinungsjahr 2011

Arno Geiger ist mit seinem neusten Werk über seinen dementen Vater ein hervorragendes, tief berührendes und leicht lesbares Buch gelungen. Es handelt sich um eine Geschichte rund um das Thema Alzheimerkrankheit bei einer männlichen Person und reiht sich ein in eine Reihe bereits erschienener Titel zum gleichen Thema. Erwähnt seien hier beispielsweise: Tilman Jens, Demenz - Abschied von meinem Vater; J. Bernlef, Hirngespinste; Katrin Hummel, Gute Nacht Liebster und das autobiografische Werk von Richard Taylor, Alzheimer und Ich, bei dem der Autor die Krankheit bei sich selbst als Betroffener beschreibt.

Alzheimer ist ein Thema das immer aktueller wahrgenommen wird und zunehmend auch den Weg in die nicht wissenschaftliche oder fachspezifische Literatur findet und uns alle betrifft. Auch in diesem Buch unterstreicht dies der Autor, indem er rund zehn Personen aus seinem Bekanntenkreis zu Wort kommen lässt und man merkt, wie schnell und wie leicht man selbst vom Umfeld dieser Krankheit oder von ihr selbst erfasst werden kann. Das kann Angst auslösen. Arno Geiger gelingt es aber in seinem Werk, unsere Angst davor ein Stück weit zu relativieren. Man kann die furchtbare Krankheit auch als Chance wahr nehmen, die Welt, und damit verbunden den persönlichen Lebenslauf in einem neuen, uns weitgehend unbekannten Kontext zu erleben. „Lange hatten wir es mit Vergesslichkeit und dem Verlust von Fähigkeiten zu tun gehabt, jetzt begann die Krankheit, neue Fähigkeiten hervorzubringen…..“. Dabei ist man bei der Lektüre stets zwischen einem Schmunzeln und einer seltsamen Betroffenheit hin und her gerissen.

Arno Geiger begleitet seinen Vater durch den langen Weg seiner Krankheit über rund sechs Jahre hinweg und beschreibt zu Beginn von den Schwierigkeiten seiner Familie damit umzugehen und der hoffnungslosen Versuchung aller, diesen Vater wieder zurück in die reale Welt zu holen nach dem Motto - Jetzt reiss dich doch wieder zusammen, du bist doch nicht wie du bist! Auch empfinden sie es oft als bitter, zu Unrecht vom Vater angeschnauzt zu werden.
Das dauert so lange, bis der Autor selbst zu der unvermeidlichen Einsicht gelangt: „Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm“. Dabei hilft ihm auch, dass die Krankheit fachmännisch diagnostiziert wurde und die Fakten nun ungeschminkt auf dem Tisch liegen. Das alles geschieht vor dem Hintergrund eines über viele Jahre hinweg gelebten gegenseitigen Auseinanderlebens zwischen Vater und Sohn, als auch zwischen den Geschwistern. Der langsam fortschreitende Zerfall des Vaters bringt die Familie im Verlauf der Krankheit wieder enger zusammen und sie verstehen die bevorstehende schwierige Zeit als gemeinsame Aufgabe. Dabei bleibt aber die Beziehung des Autors zu seinem Vater immer im Vordergrund.

Danach folgt ein längerer Teil zur Biografie seines Vaters August Geiger, seine Jugend, seine familiären Wurzeln. Geboren 1926 in einer 10-köpfigen Familie wuchs er bei einem strengen Vater auf und die Zeit war geprägt von Arbeit und natürlich dem Krieg, in den er selbst gegen Kriegsende mit 19 Jahren eingezogen wurde und in russische Gefangenschaft gerät. Ein für ihn prägendes Erlebnis, welches ihn Zeit seines Lebens dazu bewegt, seine angestammte Scholle im österreichischen Dorf Wolfurt in der Nähe von Bregenz, mit Sicht auf die Schweiz, nicht mehr zu verlassen. Die Begriffe „Zuhause“ und „Heimat“ bekommen für ihn einen besonderen Stellenwert. In der Gemeindeverwaltung verdiente er sein Geld als Gemeindeschreiber und engagiert sich, obwohl etwas eigenbrötlerisch, auch in den Vereinen. Erst im Alter von 37 Jahren heiratet er schlussendlich doch noch. In dieser Ehe prallen zwei völlig verschiedene Charaktere aufeinander. Nur der vier gemeinsamen Kinder wegen wird das Familienleben aufrecht erhalten. Die Frau verlässt ihn dann nach 30 Jahren Ehe. Zu der Beziehung seiner Eltern äussert sich der Autor etwas sarkastisch und schreibt: „Was der Verstand beim Eingehen der Ehe zu wenig leistet, muss er während der Ehe gewöhnlich mit Wucherzinsen nachzahlen.“
Im Alter von etwas über 70 Jahren zeigen sich bei August Geiger die ersten Anzeichen einer Demenzerkrankung. Das Zusammenbringen der Biografie mit dem Verhalten seine Vaters scheint auch dem Autor nicht richtig zu gelingen und bleibt, wie auch meine Erfahrungen als Heimleiter zeigt, meistens als hoffnungsloser Versuch zurück, aus unserer Sicht und Welt den letzten Strohhalm zu ergreifen, um für nicht erklärbare Dinge und Vorgänge doch noch eine erklärende Grundlage zu finden. Arno Geiger kommt aber selber zur Erkenntnis, dass das ständige „nach Hause“ gehen wollen seines Vaters nichts mit den Kriegserlebnissen zu tun haben kann, denn er schreibt: „Wenn er sagte, das er nach Hause gehe, richtete sich diese Absicht in Wahrheit nicht gegen den Ort, von dem er weg wollte, sondern gegen die Situation, in der er sich fremd und unglücklich fühlte. Gemeint war also nicht der Ort, sondern die Krankheit……“.

Nachdem er die Krankheit seines Vaters akzeptieren kann, folgt ein tief berührender Teil, welcher die Veränderung in der Beziehung zwischen ihm und seinem Vater auf eine einfühlsame Art und Weise beschreibt. Eine Veränderung, die geprägt wird von einem tiefen gegenseitigen Verständnis und einer Akzeptanz der momentanen Situation. Sie endet, könnte man fast sagen, in einer eigentlichen Liebesbeziehung, wie sie nur zwischen Vater und Sohn entstehen kann.
Der Umgang, den er hier mit seinem Vater pflegt, könnte man auch als „Validation in Reinkultur“ bezeichnen. Er zeigt sich in einer beeindruckenden Empathie und einem grossen Respekt gegenüber der Würde seines Vaters. Die Krankheit beginnt ihn auch persönlich zu interessieren. Jede Phase, die sein Vater durchlebt, interessiert ihn, sei sie aggressiv, liebenswürdig, chaotisch oder von Starrsinn geprägt. Der Sohn stellt sich bewusst der Krankheit und nähert sich ihr langsam aber zielgerichtet. Dabei kommen auch witzige und humorvolle Passagen nicht zu kurz: „Das Vergehen der Zeit? Ob sie schnell vergeht oder langsam ist mir eigentlich egal. Ich bin in diesen Dingen nicht anspruchsvoll.“
Ebenso gelingt es ihm, in der Fachliteratur bestätigte Erkenntnissen sehr treffend zu formulieren: „Einem Demenzkranken eine nach herkömmlichen Regeln sachlich korrekte Antwort zu geben, ohne Rücksicht darauf, wo er sich befindet, heisst versuchen, ihm eine Welt aufzuzwingen, die nicht die seine ist“. Zunehmend gerät er auch in die Rolle eines „Rettungsankers“ für seinen Vater in unruhigen und schwierigen Zeiten. Ein Rolle, die bis auf eine Ausnahme, seine stetig wechselnden Betreuerinnen aus der Slowakei nicht einnehmen können, da sie häufig überfordert sind und, da nicht professionell ausgebildet, das Handtuch bereits nach kurzer Zeit werfen.

„Die sich häufenden, von Verweigerung geprägten Tage waren der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken bricht“. August Geiger kommt ins Pflegeheim. Die Aufgabe für den Sohn ist damit weitgehend erledigt und eine gewisse Erleichterung ist aus den Zeilen heraus zu spüren. Dies umso mehr er feststellen darf, dass sein Vater dort unter seinesgleichen gut aufgehoben ist und sich wohl fühlt.
Der Autor beendet die Geschichte, ohne wie man es vielleicht erwarten könnte, ganz bewusst vor dem Tod seines Vaters. „…ich wollte über einen Lebenden schreiben, ich fand, dass der Vater, wie jeder Mensch, ein Schicksal verdient hat, das offen bleibt.“ Trotzdem findet auch die Thematik über das Sterben und Loslassen auf subtile Art und Weise einen Platz in diesem Buch, wenn beispielsweise der Sohn fragt: “Hast du Angst vor dem Sterben?“ und der Vater antwortet: „Obwohl es eine Schande ist es nicht zu wissen, kann ich es dir nicht sagen.“

Eingeschoben zwischen die einzelnen Kapitel sind die feinfühligen Zwiegespräche zwischen Vater und Sohn. Geprägt durch ihre faszinierende Authentizität, der Autor begleitete seinen Vater zeitweise mit Laptop, liest das sich dann so: „Was tust du auf der Strasse?“ – „Spazieren. Ein bisschen laufen. Aber ich bin nicht gut besattelt. Meine Schuhe haben nicht die richtige Übersetzung“ oder „Du darfst nichts tun, so viel du willst“ – „Wenn du wüsstest. Ständig muss ich Sachen zusammenwinkeln. Aber ich will bald damit aufhören“. Die wirkliche Aussagekraft der Worte wird einem erst nach einer gewissen Anlaufzeit bewusst, sofern man sich die Mühe und Zeit nimmt, darüber intensiv nachzudenken. Dann erhalten die Antworten des Vaters plötzlich einen philosophischen Hintergrund. Für mich faszinierend.

Der Autor verdient grossen Respekt, da er hier vieles von sich selbst und seinen Gefühlen preisgibt und er damit dem Leser ein hautnahes Miterleben ermöglicht. Für mich persönlich war es bisher der am besten gelungene Beitrag zur Problematik rund um die Alzheimer-Demenz. Leicht und in einfacher Sprache geschrieben, mit unheimlich viel Tiefgang. Man wähnt sich nach paar wenigen Lesestunden befähigt zu sein, für einen allfälligen Umgang mit dieser Krankheit gewappnet zu sein oder wie der Autor selbst schreibt: “Manchmal lernt man in einem Augenblick mehr, als in einem ganzen Jahr Schule“. Gut gefällt mir auch der ansprechende Umschlag, ein weisshaariger alter Mann mit leicht gesenktem und nachdenklichem Kopf, der durch einen fast undurchdringlichen Wald von grünen Blättern spaziert. Blätter, die für mich die unzähligen und ungeordneten Gedanken eines an Demenz erkrankten Menschen symbolisieren. Mit „Der alte König in seinem Exil“ ist Arno Geiger ein wichtiges Werk mit dem Potential gelungen, es auch für Fachpersonen zu einer Pflichtlektüre werden zu lassen. Er darf es deshalb getrost mit dem Satz abschliessen: „Es heisst, wer lange genug wartet, kann König werden.“ Das gilt im übertragenen Sinn nicht nur für den an Demenz erkrankten Vater.

Arno Geiger, 1968 geboren, lebt in Wien und Wolfurt. Sein Werk erscheint bei Hanser, zuletzt „Alles über Sally“ (2010). Er erhielt u.a. den Friederich Hölderlin-Förderpreis (2005), den Deutschen Buchpreis (2005) und den Johann Peter Hebel-Preis (2008). Das hier rezensierte Buch ist für den Deutschen Buchpreis 2011 vorgeschlagen.

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Seraina Hild-Tanner
Doris Schöni